Ostfriesenfeuer: Klaus-Peter Wolfs achter Ostfriesenkrimi – Eine Rezension von Richard Albrecht

Klaus-Peter Wolf „schrieb zahlreiche Hörspiele, Theaterstücke und mehr als 20 Bücher, die in Millionenauflage erschienen sind.“ (Galgenberg Verlag 1990) – „Bislang sind seine Bücher in 24 Sprachen übersetzt und über neun Millionen Mal verkauft worden. Mehr als 60 seiner Drehbücher wurden verfilmt, darunter viele für ´Tatort´ und ´Polizeiruf 110´.“ (Fischer Taschenbuch Verlag 2014)
Quelle: Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main (2014)

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Klaus-Peter Wolf

I. OSTFRIESENFEUER ist der Titel des achten Ostfriesenkrimi des Berufsautors Klaus-Peter Wolf (*1954). Das Taschenbuch erschien am 20. Februar 2014 im Frankfurter Fischer Taschenbuch Verlag. Und könnte für mich Anlaß sein, die letzten dreißig Jahre deutscher Krimi-Entwicklung kritisch aufzuarbeiten. Das freilich laß´ ich hier besser mal (auch um den Rahmen nicht zu sprengen) zugunsten einiger Hinweise auf das von mir bisher gelesene halbe Dutzend Bücher von Klaus-Peter Wolf.

 
Den Autor Klaus-Peter Wolf erinnere ich seit Mitte der 1970er Jahre: 1976 las ich sowohl seine Kurzerzählungen, darunter den handlungsbezogen Schulklassentext Rache für Boris, als auch seinen zunächst in Fortsetzungen in der damaligen DKP-Tageszeitung unsere zeit gedruckten Zeitroman Die Fliegen kommen als Geschichte eines Ökologieskandals. Drei weitere Romane Wolfs las ich in den 1980er Jahren: die sprachlich wenig durchgearbeitete, Gegenwartsroman genannte, satirische Erzählung des märchenhaften Aufstieg eines Reklamemanagers in einem Kaufhauskonzern; den Ausstei-ger-, Road- und Liebesroman Biscaya; Wolfs männersexkritischen Roman Traumfrau; und Ende 2013 las ich, als sechsten Reihenband, OSTFRIESENANGST (2012).

 
Wolfs Romantexte bewerte ich als Versuch, lebbare Lebensgefühle authentisch und sprachlich verdichtet zu vermitteln. Das kann der Autor, dem diese Fähigkeiten noch 1989 abgesprochen wurde („Die Charakterschilderungen wirken oftmals peinlich“; „Mary. Die Figur bleibt blaß und papiern“) inzwischen nicht nur professionell, routiniert, gekonnt und ohne mit „wo“ beginnende Relativsätze – etwa wenn er gegen ein bundesweit verbreitetes Stereotyp („In Aurich iss´ traurig / In Leer noch mehr“) einen ostfriesischen Ort an der Nordsee kennzeichnet als einen, „an dem die Alltagssorgen sich in Luft auflösen.“

 
II. Im neuen Krimi OSTFRIESENFEUER, einem mit 500 Druckseiten so langen wie mit 460 Gramm so gewichtigen Taschenbuch, geht´s um eine aparte Täter-Opfer-Ermittler-Reise in den Ostfriesland genannten ganzdeutschen Norden des ersten Drittels der Zehnerjahre. Als Konstante wirken fiktive Kripoleute der realen Polizeinspektion Aurich: die BKA-umworbene Serienmordspezialistin Hauptkommissarin Ann Kathrin Klaasen, ihr (neuer Ehe-) Mann Kommissar Weller, ihr Chef Kriminaldi-rektor Ubbo Heide, ihr (als frauenfeindlich-verklemmte Männerkarikatur präsentierter) Kollege Rupert sowie ihr lokaljournalistischer Hausfreund Holger Bloem. Variabel ist alles, was den fiktiven Fall, der diesmal mit einer am Hochzeitstag von Klaasen und Weller im Osterfeuer verbrannten männlichen Leiche beginnt, ausmacht, Aspekte einer öffentlichen Inszenierung als Hexenverbrennung eingeschlossen. Wie beim Autor üblich wird unterhaltungsliterarisch unter Einvernahme diverser Spannungsbögen linear erzählt und auch was Vorlieben und Optionen des Autors für deutschsprachige (Krimi-) Autoren betrifft aus dem Nähkästchen geplaudert (etwa durch Hinweise auf historische Romane des Kölner Autors Tilman Röhrig).

600px-Ostfriesland_hervorgehoben.svgAuch im achten Ostfriesenkrimi geht´s im Hauptgeschehen um einen intelligenten Kriminellen als Tä-ter und Rächer und die Detektionsarbeit der Verfolgergruppe. Dazu gibt’s verschiedene, mit dem nach Messerstichen schwerverletzten Kriminaldirektor beginnende, Parallelhandlungen. Erzählt wird unterhaltsam mit Episoden, Überraschungen (wie dem auf Mallorca Popstarautogramme auf Frauentitten schreibenden Hauptkommissar Rupert), Wortwitz (als Antwort auf „wir sind längst über alle Berge“): „Hier sind keine Berge. Hier ist Ostfriesland“ und Kaulauern: als Ausdruck der „tiefen Verbundenheit zu Köln“ wurde am Rechner „die Alt-Taste gegen eine Kölsch-Taste ausgewechselt.“ Und so mag sich denn wer´s mag flott durch die fünfhundert Seiten unterhaltsame Krimiaufklärung aus, von und im Ostfriesland der frühen ganzdeutschen Zehnerjahre lesen …

 
III. Bleibt noch etwas (mit meinen Mitteln nicht Aufklärbares) fragend anzusprechen: Auf der Autorennetzseite finden sich fürs laufende Jahr 2014 drei Seminarangebote: Im Februar Die Worte zu Papier gebracht – Autorenwerkstatt, im August Das Talent begleitet den Lebensweg – Schreibwerkstatt und im September Figurenentwicklung (und Dialoge). Zum ersten Seminar im Europahaus Aurich heißt es: „Gebühr auf Anfrage“; zum zweiten in der Evangelische Landjugendakademie Altenkirchen/Westerwald: „Kosten: 220,00 EUR“; zum dritten im Drehbuchcamp: „Teilnehmerzahl: min. 6, max. 10, Trainer: Klaus-Peter Wolf. Kosten: EUR 495.“ (http://www.klauspeterwolf.de/seminare.html)

 
Da muß nicht nur der sprichwörtliche Arme Schlucker schlucken – zumal Wolfs „Ostfrieslandkrimis mit einer Gesamtauflage von über einer Million ein großer wie überraschender Erfolg“ (so Lars Schafft im Nachwort zu OSTFRIESENFEUER) und (so die letzterschienene Ausgabe von Ostfries-landkrimis) „längst zu einem Wirtschaftfaktor für ganz Ostfriesland geworden“ sind.

 
Klaus-Peter Wolf also auf dem bekannten politischen Schröderfischer-Pfad wie Bastagerd und Joseph-vom-Stamme-Nimm von links unten nach rechts oben? Oder geht´s wie üblich nur um business-as-usual entwickelter kapitalistischer Markt- und Machtwirtschaft, in dem jeder, der´s kann, im Sinne von nach-mir-die-Sintflut rasch noch mitnimmt, was er auch immer kriegen kann?
Lesehinweise

 
Richard Albrecht, Literatur/Waren/Produktion, in: die horen, 116/1979: 127-138
-Literarische Unterhaltung als politische Aufklärung: Der neue deutsche Kriminalroman in der Bundesrepublik Deutschland der siebziger Jahre – ein literaturgesellschaftlicher Nekrolog; in: Recherches Germaniques, 14/1984: 119-143
Ostfrieslandkrimis, 1/2013: 1; http://www.klauspeterwolf.de/public/files/krimi-zeitung-jahrgang-5-s1.pdf
Claudia Schmidt, Suche Vagina mit servilem Drumherum; in: UZ MAGAZIN LITERATUR, Oktober 1989: XLVI
Klaus-Peter Wolf, VERSUCHE AUFRECHTZUGEHEN. Leverkusen: Literarischer Verlag Helmut Braun, 1976, 87 p. [= Literarischer Nachwuchs 3]
-Die Fliegen kommen. Roman. Leverkusen: Literarischer Verlag Helmut Braun, 1976, 216 p.
-Das Werden des jungen Leiters. Ein Gegenwartsroman. Frankfurt/Main; Büchergilde Gutenberg, 1986, 270 p.
-Traumfrau. Roman. Hamburg: Galgenberg, 1989, 256 p.
-Vielleicht gibt´s die Biscaya gar nicht. Roman. Hamburg: Galgenberg, 1990, 308 p.
-OSTFRIESENKILLER (2007); OSTFRIESENBLUT (2008); OSTFRIESENGRAB (2009); OSTFRIESEN-SÜNDE (2010); OSTFRIESENFALLE (2011); OSTFRIESENANGST (2012); OSTFRIESENMOOR (2013); OSTFRIESENFEUER (2014); OSTFRIESENWUT (geplanter Erscheinungstermin 15.3.2015). Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag
-http://www.klauspeterwolf.de/seminare.html

Richard Albrecht ist Sozialwissenschaftler (Diplom, Promotion, Habilitation) und lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent 1989 als unabhängiger Wissenschaftsjournalist, Editor und Autor in Bad Münstereifel. 1991 Veröffentlichung des Forschungsansatzes THE UTOPIAN PARADIGM. 1994/97 Redaktions-leier der Carl-Zuckmayer-Blätter und Hg. Theater- und Kulturwissenschaftliche Studien. 2002/07 Hg. des Netz-magazins rechtskultur.de. 2005/10 Forschungen zum ARMENOZID als erstem Völkermord im 20. Jahrhundert. 2011 erschien Richard Albrechts bisher letzte Buchveröffentlichung HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren. Bio-Bibliographie http://wissenschaftsakademie.net e-Postadresse eingreifendes.denken@gmx.net

©Autor (2014)

2 Gedanken zu “Ostfriesenfeuer: Klaus-Peter Wolfs achter Ostfriesenkrimi – Eine Rezension von Richard Albrecht

  1. Film und Buch März 7, 2014 / 7:23 pm

    Der Autor Klaus-Peter Wolf schrieb folgende Mitteilung:

    Seit meine Bücher in den Bestsellerlisten zuhause sind, macht man sich öffentlich Gedanken, ob ich nicht zu viel Geld verdiene. Dies ist ein interessantes Phänomen.

    Ich lebe seit vierzig Jahren vom Schreiben. Ich habe verdammt harte Zeiten hinter mir. Mit einem autoreneigenen Verlag ging ich pleite und hatte 2,7 Millionen (damals noch DM) Schulden an den Hacken. Damals wurde mir öffentlich bescheinigt, was ich alles falsch gemacht hatte. Jeder hätte mir angeblich voraussagen können, dass ich scheitere und natürlich sei ich selber schuld. Kein Wort über Marktgesetze, Großkonzerne oder so. Nun ich wurde öffentlich vorgeführt und verspottet. Gedanken darüber, wie der gescheiterte Künstler seine kleine Familie ernährt, machte sich niemand. Nun sage ich es ungefragt: Ich war auch damals schon fleißig. Eine Serie von mir lief im Stern und ich konnte Drehbücher fürs Fernsehen schreiben. Im Prinzip verdiente ich gut. Nur wurde mir das weggepfändet. Ich ging klauen, jawohl!

    Pampers und Babynahrung habe ich geklaut. Benzin um zu einer Lesung zu kommen.

    Ja ich habe Präser Automaten geknackt und Zigarettenautomaten. Ist alles mehr als dreißig Jahre her, darum kann ich es jetzt schreiben. Ist verjährt. Wie und wovon der junge Autor lebte war einer Öffentlichkeit völlig wurscht. Nun ich habe überlebt.

    Es gab Zeiten, da fehlten mir Krankenversicherung und das Geld zum Zahnarzt zu gehen. Als 83 die Künstlersozialkasse kam, ließ ich mit im ersten Monat 11 Zähne machen, aus Angst, sie könnte wieder dichtgemacht werden. Die Pflichtversicherungen nahmen damals keine freien Künstler auf. Nun bin ich 60 Jahre alt, habe mir eine Fangemeinde erschrieben und es geht mir gut. Was ist so schlimm daran? Müssen Künstler arm sein? Danke, ich habe das zwei Jahrzehnte lang genossen. Brauche ich nicht mehr.

    Zu den Kursgebühren: Seit 25 Jahren teile ich meine Erfahrung als Autor mit Kollegen. Ich tue dies innerhalb von Organisationen wie der Evangelischen Akademie, dem Drehbuchcamp oder der Medien Akademie von ARD und ZDF. Die Kursgebühren werden von den jeweiligen Organisatoren festgelegt. Ich erhalte nicht mehr und nicht weniger Honorar als alle anderen Dozenten, die dort arbeiten.

    Nie habe ich eine Extrawurst verlangt, was leicht gewesen wäre weil meine Kurse seit gut zehn Jahren immer „ausverkauft“ sind.

    Seit vierzig Jahren mache ich Veranstaltungen in Schule für den Bödecker Kreis.

    Ich bin dort auch im Autorenbeirat. 140 Schriftsteller sind dort Mitglied. Gerade hier herrscht ein solidarisches Prinzip, für das ich immer gestritten habe. Alle Autoren erhalten das gleiche Honorar. Der Newcomer bekommt genauso viel wie der Bestsellerautor. Ich lese also für Bödecker, obwohl ich in der gleichen Zeit woanders das Doppelte, ja Dreifache bekommen könnte. Warum ? Weil ich mich dieser Sache verpflichtet fühle.

    Was soll ich also tun, um Gnade vor den Augen meiner Kritiker zu finden? Keine Kurse für Autoren mehr geben? Keine Bestseller mehr schreiben? Wieder klauen gehen?
    Nee, jetzt muss die Welt damit leben, dass ich bin wie ich bin und mir ein gutes Abendessen leisten kann.

    Seit zwei Wochen ist Ostfriesenfeuer jetzt auf Platz 1 in Spiegel, Stern und focus. Verständlich, dass da Neid entsteht.

    • Film und Buch März 7, 2014 / 7:28 pm

      Richard Albrecht schrieb folgende Antwort:

      Vielen Dank, lieber Herr Wolf, für Ihren so engagierten wie enragierten Autorenbeitrag und besonders Ihre Aufklärung zum „solidarischen Prinzip“ bei Bödecker, besten Gruß, RA

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