Haben Medienwissenschaftler etwa Angst?

Medienwissenschaftler sehen in einem Film nichts anderes als einen Text. Man könnte auch mit Heinz Rühmann kommen und im übertragenen Sinn meinen: „Ne Dampfmaschin is `n schwarzer Kessel mit nix drin“. Und wehe es kommt jemand, der etwas anderes behauptet. Für den haben die Medienwissenschaftler nichts anderes als Hohn und Spott übrig.

Angst
So ungefähr blickt ein medienwissenschaftlicher Filmanalytiker auf die Filmemacher und Soziologen.

Bereits in unserem früheren Artikel über den Konflikt zwischen medienwissenschaftlicher und soziologischer Filmanalyse haben wir kurz skizziert, dass die Vertreter der Medienwissenschaft nichts anderes gelten lassen wollen als ihre eigene Disziplin, wenn es darum geht, Filme zu analysieren. In der Tat behaupten viele Vertreter dieser Zunft, dass z. B. Filme keine sozialen Merkmale widerspiegeln. Filme seien nämlich in aller erster Linie Texte und damit verbunden mit Mythen, nicht aber mit gesellschaftlichen Strukturen. In der Tat gehen medienwissenschaftliche Untersuchungen zu Filmen so gut wie nicht auf gesellschaftlicher Hintergründe ein. Sie vergleichen „Texte“ mit anderen „Texten“ und sind ganz stolz, wenn sie herausfinden, dass z.B. in „Star Wars“ unterschiedliche Mythen zu finden sind.
Doch an diesem Punkt bleiben sie stehen. Nichts kommt danach.

Nun hat bereits Emil Durkheim in seinem Buch über die religiösen Formen herausgearbeitet, dass Mythen soziale Strukturen wiederspiegeln. Medienwissenschaftler würden dies mit dem Wort „Schwachsinn“ kommentieren, nur um ja nicht von ihrem Sockel der Erklärung von Narrationen durch andere Narrationen heruntergestoßen zu werden. Ein weiterer Punkt, der diese medienwissenschaftliche Vorgehensweise fraglich werden lässt, ist, dass keine Interviews mit Regisseuren oder Drehbuchautoren durchgeführt werden. Medienwissenschaftler sind interessanterweise der Meinung, dass diese Personengruppe ebenfalls nur „Schwachsinn“ erzählen würde.

Die Frage, die sich unsere Medienwissenschaftler gefallen lassen müssen, lautet: welchen Wahrheitsgehalt ihre tollen Analysen beinhalten, wenn nicht letztendlich anhand von Interviews mit Regisseuren und Autoren überprüft wird, ob die Analyse stimmt oder völlig falsch ist? Anscheinend haben Medienwissenschaftler Angst davor, ihre „genialen“ Analysen könnten sofort zu Staub zerfallen, wenn man die Macher der Filme über den ästhetischen und mythologischen Inhalt befragt. In dieser Hinsicht suhlen sich die Filmanalytiker in einer unerhörten Arroganz, indem sie behaupten, den Film besser verstanden zu haben als der Regisseur.

Eine Folge dieses Vorgehens ist, dass die meisten Texte dieser Disziplin (damit ist die medienwissenschaftliche Filmanalyse gemeint) aus bloßem Gschwafel bestehen. Ein reines Herumgerede, das sich strikt dagegen wehrt, mithilfe soziologischer Fragestellungen Untersuchungen zu kreieren, die Hand und Fuß haben und nicht einfach in der Luft schweben.

Man fragt sich wirklich, was das soll und wie man ein solches Gezicke noch als ernstzunehmende Wissenschaft bezeichnen kann. Ein leichtes Umdenken ist in den USA bemerkbar. Dort diskutieren Medienwissenschaftler zumindest darüber, ob man sich nicht doch der Soziologie annähern sollte, um bessere Resultate erzielen zu können. In Deutschland scheinen diese Überlegungen noch nicht angekommen zu sein. Hier rennen die Leute weiterhin mit Scheuklappen herum, in der Hoffnung, auf niemanden zu stoßen, der ihre Analysen als fragwürdig outen könnte.

3 Gedanken zu “Haben Medienwissenschaftler etwa Angst?

  1. Dr. Richard Albrecht Januar 29, 2014 / 9:25 am

    Werte Kolleg(inn)en,

    Ihre kritische Polemik gegen das, was immer noch oder schon wieder als herrschende medien“wissenschaftliche“ Filmanalyse daherkommt, ist erfrischend: „Die Frage, die sich unsere [? meine sinds nisch] Medienwissenschaftler gefallen lassen müssen, lautet: welchen Wahrheitsgehalt ihre tollen Analysen beinhalten, wenn nicht letztendlich anhand von Interviews mit Regisseuren und Autoren überprüft wird, ob die Analyse stimmt oder völlig falsch ist? Anscheinend haben Medienwissenschaftler Angst davor, ihre “genialen” Analysen könnten sofort zu Staub zerfallen, wenn man die Macher der Filme über den ästhetischen und mythologischen Inhalt befragt. In dieser Hinsicht suhlen sich die Filmanalytiker in einer unerhörten Arroganz, indem sie behaupten, den Film besser verstanden zu haben als der Regisseur. Eine Folge dieses Vorgehens ist, dass die meisten Texte dieser Disziplin (damit ist die medienwissenschaftliche Filmanalyse gemeint) aus bloßem Geschwafel bestehen. Ein reines Herumgerede, das sich strikt dagegen wehrt, mithilfe soziologischer Fragestellungen Untersuchungen zu kreieren, die Hand und Fuß haben und nicht einfach in der Luft schweben. Man fragt sich wirklich, was das soll und wie man ein solches Gezicke noch als ernstzunehmende Wissenschaft bezeichnen kann.“

    Und doch greift Ihre kritische Polemik in einer Hinsicht nicht, genauer: Sie sprechen allein die methodische Seite an und wollen das verkopfert-nabelschauerische Zeug durch „soziologische“ Methoden, etwa zum Selbstverständnis von „film-makers“, ergänzt sehen. Unabhängig davon, daß da m.E. ein idealistisches Verständnis von „Soziologie“ durchschimmert und m.E.n. nach aus der Zusammenarbeit mit US-„film-makers“ auf der Dokumentarebene (ich spiele auf einen Oskar und eine Kandadatin an) zu viel erwartet wird – Ihre Kritik läßt sich auch simpel so bündeln: Diese „Wissenschaft“ ist Sesselfurzei, Lehn- oder Lehrstuhl“wissenschaft“, also KEINE WISSENSCHAFT, die diesen Namen verdient auf der cognitiven Dimension wie ich sie (im Anschluß an Carl Cjerassi) verstehe: „Science is both disinterested pursuit of truth and a community, with its own customs, its own social contract.“ (Carl Djerassi, Cantors Dilemma. A Novel [1989]; Penguin, ²1991: 229; deutsch etwa: „Wissenschaft bedeutet sowohl selbstloses Streben nach Wahrheit als auch eine Gemeinschaft mit ihren eigenen Sitten und Gebräuchen, Vorstellungen und Gesetzen.“)

    Anders gesagt: Immer dann, wenn es nicht um Posten für Wissenschaftler in ihrer „community“, entsprechende Staatsknete, tenure, chairholding etc., sondern um „selbstloses Streben nach Wahrheit“ geht, kann es für Wissenschaftler KEINE ANGST geben.

    Freundliche Grüße, RA, 290114

    • Film und Buch Januar 29, 2014 / 1:15 pm

      Hallo, Herr Albrecht, das Problem der deutschen Medienwissenschaft im Hinblick auf Filmanalyse ist, dass deren Vertreter keine sozialwissenschaftlichen Perspektiven zulassen, diese sogar als „wenig ergiebig“ (Faulstich) oder bloße „Selbstanalyse“ (Mikos) bezeichnen. Hinzu kommt die doch eher fragwürige Vorgehensweise, Analysen zu betreiben, ohne aber in Kontakt mit dem jeweiligen Regisseur oder Autor zu treten. Die (medien)wissenschaftliche Analyse kann noch so minutiös sein, wenn der Regisseur in Wirklichkeit völlig andere Bezüge (seitens Mythologie) für wichtig betrachtet, so ist sie schlicht und ergreifend für die Katz, da sie an der Wahrheit vorbeigeht. Um dies zu vermeiden, lassen Filmanalytiker der Medienwissenschaftler diese zentralen Akteure links liegen (indem sie frech behaupten, diese Akteure würden nichts Brauchbares von sich geben) und behaupten einfach irgendetwas, von dem sie überzeugt sind, dass es dazu einen Bezug gibt. Das ist genauso wie bei den Soziologen. Wenn ein historisches Ereignis nicht zur Theorie passt, so wird es passend gemacht.

      Das zweite Problem besteht darin, dass die Medienwissenschaft als Ganzes mit der Soziologie nichts zu tun haben möchte (nur bei Cultural Studies gibt es derzeit Berührungspunkte). Das ist äußerst bedenklich, führt es doch zu teils halbgaren Untersuchungen. Hier ein kleines Beispiel: Lesley Stern stellte in einem ihrer Artikel fest, dass Hongkong-Filme in Bulawayo äußerst beliebt sind, was dazu führt, dass Kung Fu zu den Lieblingssportarten in Zimbabwe gehört. Aber mehr kommt nicht. Eine zusätzliche soziologische Untersuchung würde vielleicht versuchen, zu klären, aus welchem Grund ausgerechnet HongKong-Filme dort so erfolgreich sind. Ob es dafür gesellschaftliche oder kulturelle Gründe gibt (z.B. China als sog. „Modernisierungshelfer“ (hust, hust) in Afrika).

      Medienwissenschaftler bleiben bei ihren filmanalytischen Untersuchungen mitten in der Luft stehen. Dennoch behaupten sie, dass nur ihre Methoden dazu dienen, brauchbare Ergebnisse zu erzielen. Das stimmt aber nicht, sondern zeugt lediglich von einer ziemlichen Arroganz. Daher das Wort „Angst“ im Titel. Würden Medienwissenschaftler Theorien anderer Disziplinen, die sich mit denselben Sachverhalten beschäftigen, zulassen, so würden viele ihrer Analysen in sich zusammenfallen, da Bezugspunkte zu Gesellschaft, Kultur usw. fehlen.

      • richard albrecht Januar 29, 2014 / 2:22 pm

        Danke, lieber Dr Pechmann, dann wäre – Ausnahme cultural studies – für das Sie besonders interessierende Feld auf Grundlage des von Djerassi betonten (von mir nur zitierten und übersetzten) Doppelcharakters von (auch Sozial-) Wissenschaft diese Zwischenbeschreibung festzuhalten: an die Kritik auf der cognitiven oder Erkenntnisebene könnte auf der Ebene von Wissenschaft als Handlungssystem (Djerassis „community with its own customs, its own social contract“) unmittelbar Webers Diagnose „soziale Schließung“ bei diesen Filmanalytikern anschließen. Und auf dieser Ebene wird´s banal(er als banal), weil es um das geht, was Soziologen Ausschluß oder Exclusion nennen; es geht immer um den „Prozeß, durch den soziale Gemeinschaften Vorteile zu maximieren versuchen, indem sie den Zugang zu Privilegien und Erfolgschancen auf einen begrenzten Kreis von Auserwählten einschränken. Das führt dazu, dass bestimmte, äußerlich identifizierbare soziale und physische Merkmale als Rechtfertigungsgrund für den Ausschluss von Konkurrenten hervorgehoben werden. Weber nimmt an, dass praktisch jedes Gruppenmerkmal – Rasse, Sprache, soziale Herkunft, Abstammung – herausgegriffen werden kann, sofern es nur zum ›Monopolisieren bestimmter, und zwar der Regel nach ökonomischer Chancen‹ benützt werden kann. Die Monopolisierung richtet sich ›gegen andere Mitbewerber, welche durch ein gemeinsames positives oder negatives Merkmal gekennzeichnet sind, […] und das Ziel ist: in irgendeinem Umfang stets Schließung der betreffenden (sozialen und ökonomischen) Chancen gegen Außenstehende‹.“ (Frank Parkin, Strategien sozialer Schliessung und Klassenbildung; in: Soziale Ungleichheiten. Soziale Welt, Sonderband 2. Hg. Reinhard Kreckel. Göttingen 1983: 121-136, hier 123). Freundliche Grüße, RA,290114²

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