Keine Wahl – Eine Rezension von Wilma Ruth Albrecht

keine wahlJa, es gibt sie noch, die linken Lieder, die Arbeiter- und Streiklieder. Und sie entstehen in akuten Klassenauseinandersetzungen, die auch Künstlern Parteilichkeit abfordern, immer wieder neu.

Einer dieser Künstler, die mutig, engagiert und auch weiterhin unbeirrt politisch Partei für die organisierte Arbeiterbewegung nehmen, war und ist seit mehr als vier Jahrzehnten der Mannheimer Liedermacher Schlauch (Bernd Köhler). Das zeigen seine CD “Keine Wahl” mit neu arrangierten Liedern aus Arbeitskämpfen der Jahre 1971 bis 2013 und sein gleichnamiges Lieder- und Geschichtenbuch.

Bernd Köhler und ewo2: Keine Wahl lieder, gesänge und balladen aus Arbeitskämpfen (1971-2013), jump up [Bremen] 30, 15 € (plus Versand)
Bernd Köhler: Keine Wahl. Lieder, Balladen und Gesänge aus Arbeitskämpfen Mannheim 2013, 160 S., 12 € (plus Versand).

Die CD enthält dreizehn neu eingespielte Lieder, das Buch vierzehn Lieder (mit Notationen). Sie entstanden im Zusammenhang mit Arbeitskämpfen der letzten vierzig Jahre, beispielsweise der Stahlwerkersong für die Stahlarbeiterdemonstration in Bonn 1983, Weit droben im Land für den Programma-Streik in Gerstetten 1985, Keine Wahl für den Erhalt der Hattinger Hütte 1987 und Keine Chance – Résitance für den Streik um die Erhaltung der Arbeitplätze bei Alstom Mannheim 2006. Hinzu kommen Impressionen wie Wenn die Stadt erwacht, gesellschaftliche Analysen wie das Lied von der Macht und politische Mutmacher wie Mitten in einer Maschinenfabrik.

Die neuen Arrangements wurden gemeinsam mit Hans Reffert, Jan Lindqvist, Christiane Schmied, Laurent Leroi und Adax Dörsam erarbeitet. Sie kommen meist mit Geräuschteppichen und Chorgesängen daher und sind gefälliger, durch Mandolinen- und Akkordeonpassagen auch volkstümlicher, als die vorausgehenden Originale. Und damit sowohl weniger aggressiv als auch weniger authentisch als Schlauchs Liveauftritte und ihre Ersteinspielungen. Darüber hinaus werden an manchen Stellen klare Aussagen und deftige Worte musikalisch-ironisch gebrochen.

Möglicherweise deshalb sprach die Schallplattenkritik diesen “fein gesponnenen Arrangements bis hin zu leicht wagnernder Rock-Ästektik” (so die Begründung)Bernd Köhler & ewo2 ihren Preis der deutschen Schallplattenkritik 3/2013 zu. Für mich war Schlauch schon früher und ohne “radiotauglich” zu sein preiswürdig …

Wie man die CD Begleitband sorgfältig hören sollte – so sollte man auch den Begleitband lesen und betrachten. Im Buch wird deutlich, dass Bernd Köhlers Lieder, Balladen und Gesänge mit, aus und in den großen altbundesdeutschen Arbeitskämpfen, vor allem von der IG-Metall getragen, entstanden sind: in Tarifrunden und Streiks für höhere Löhne der 1970er Jahre, zur Einführung der 35-Stunden-Woche, zum Erhaltung von Arbeitsplätzen an den Stahlstandorten in den 1980er Jahren und zuletzt bei Umstrukturierungen von Großbetrieben. Im Buch kommen auch Weggenossen zu Wort, etwa Karl Maier und Otto König als Funktionäre der IG Metall, Betriebsräte und Aktivisten von Streiks, Künstlerfreunde wie Hans Reffert, Rüdiger Bischoff, Willi Hölzel († 2012), Blandine Bonjour, Joana und Christiane Schmied (und viele mehr). Sie veranschaulichen „Haltungen, Zielen, Erfolgen aber auch Niederlagen und wie sie verarbeitet wurden.”

Im Buch Keine Wahl stellt sich Bernd Köhler auch als Revuemacher und Grafiker vor, der sich besonders nach der Umbruchzeit der 1990er Jahre der russischen Avantgarde, vor allem Majakowski und El Lissitzky, verpflichtet fühlt. Diese Entwicklung veranschaulichen Gestaltung des Begleitbuches, Farbwahl, Typografie und Symbolik.

Vor allem ist und bleibt Bernd Köhler ein die Augen offenhaltender, engagierter, dialektisch geschulter Gesellschaftskritiker und als Künstler ein kompromissloser Kämpfer für die Interessen der arbeitenden Klassen und der kämpfenden Solidarität mit national und international Unterdrückten.

Bernd Köhlers CD und das Begleitbuch möchte ich unbedingt – auch und gerade den Verzagten – empfehlen.

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