Hollywoodkrise = Gesellschaftskrise?

Stichwort Hollywoodkrise. Schon lange haben wir darüber nichts mehr vernommen. Bedeutet das etwa, dass die Krise überwunden ist? Nun, die Krise ist noch immer vorhanden. Vielleicht sogar stärker denn je. Die Besucherzahlen gehen – laut der Internetplattform boxofficemojo – weiter zurück, auch wenn die Umsatzzahlen etwas anderes zu zeigen scheinen. Doch der gleichbleibende Umsatz täuscht, denn dieser wird lediglich durch angehobene Ticketpreise erzielt. Speziell aus diesem Grund kommen zurzeit viele Filme auch in 3D in die Kinos, egal ob es für die Geschichte Sinn macht oder nicht. Was zählt ist, dass jedes Ticket für eine 3D-Vorstellung teurer verkauft werden kann.

Hollywood steckt noch immer in der Krise. Auch wenn kaum darüber berichtet wird.

Doch ist die Krise nicht nur eine ökonomisch bedingte. Vielmehr ist sie eine ästhetische Krise. Diese ästhetische Krise ist einerseits eine Folge der zurückgehenden Umsatzzahlen, andererseits scheint Hollywoods Drehbuchautoren wirklich nichts mehr Neues einzufallen. Bereits 2001 bemerkte der bekannte Drehbuchautor William Golding in einem Interview mit Spiegel-Online, dass die Krise eher in den Köpfen der Autoren herrsche. Keine neuen Einfälle, schlechte Skripte, austauschbare Geschichten. Regisseur Paul Schrader schließt sich dem in gewisser Weise an. In einem Interview mit der österreischischen Zeitung Kurier aus dem Jahr 2011 weist er ebenfalls daraufhin, dass die Krise in Hollywood nicht überwunden ist. Es handelt sich um eine ästhetische Krise, die noch lange anhalten wird. Produzenten möchten nichts riskieren, daher sitzt bei ihnen das Geld auch nicht mehr so locker. Dies ist auch der Grund, weswegen es zu dieser ästhetischen Krise gekommen ist. Die großen Studios bringen keine Vielfalt hervor, sondern ihre Produktionen gleichen wie ein Ei dem anderen. Der amerikansiche Indie-Regeisseur Larry Fessenden betonte uns gegenüber, dass in Hollywood nur mehr Superheldenfilme gedreht werden. Diese verlaufen nach jeweils  demselben Konzept. Das heißt, die Charaktere, die Handlungen, ja sogar die Dialoge sind austauschbar. Es ist nichts Neues. Es ist nur lauter geworden. Selbst eine überteuerte Produktionen wie „Pacific Rim“ weist keine einzige originelle Idee auf. Alles ist bereits schon einmal dagewesen. Wer es genau wissen möchte, der sehe sich einmal den 80er Jahre Trashfilm „Robojox“ an. Das Geschichtenerzählen ist zum Stillstand gekommen.

Film galt früher als Kunst. Gilt dieser Begriff auch noch für heutige Blockbuster?

Was auf Hollywoodproduktionen zutrifft, trifft nicht weniger auf den Buchmarkt zu. Die in den Buchläden ausliegenden Bestseller sind austauschbare Produkte. Es scheint so, als findet man x-mal dasselbe Buch, nur mit anderem Cover. Auch hier also ein Stillstand. Verleger wollen genauso wie Filmproduzenten kein Risiko mehr eingehen. Sie setzen auf Nummer Sicher und das Ergebnis ist ein völliger Wegfall von Originalität.

Fasst man die obigen Punkte zusammen, so zeigt sich, dass Kunst als Massenproduktion nicht unbedingt positive Effekte mit sich bringt. Georg Simmel verwies bereits um die Jahrhundertwende auf das Drama der Kultur. Dieses macht sich nun deutlich in der Eintönigkeit der Film- und Buchproduktionen. Larry Fessenden wies in einem früheren Interview daraufhin, dass speziell diese Entwicklung hin zur Gleichförmigkeit und Austauschbarkeit negative gesellschaftliche Konsequenzen haben kann. Betroffen davon vor allem jugendliche Zuschauer, die keine Filmkunst mehr erleben, sondern inhaltsleere Produkte, die nur dazu dienen, die Zuschauer zum Konsum zu animieren. George R. Romero hatte in den 70er Jahren recht, wenn er die Menschen als kaufsüchtige Zombies darstellte.

Zurzeit werden in Hollywood nur noch Superheldenfilme gedreht. Film verkommt dadurch vollständig zum bloßen Produkt.

Ob dieser Wegfall von der Kunst hin zu bloßen Produkten, die nichts anderes mehr sind als Propagandamechanismen, tatsächlich negative Konsequenzen für die Gesellschaft haben kann, ist nicht klar. Der Biologe Thomas Junker weist in seinem Buch „Die Evolution der Phantasie“ darauf hin, dass bisherige Untersuchungen, welche den Einfluss von Reizüberflutung auf den IQ-Wert unter die Lupe nahmen, keine negativen Merkmale feststellen konnten. Allerdings ist eine Verkümmerung der Kunst bisher noch nie ein positives Merkmal für gesellschaftlichen Wandel gewesen. Diese geht einher mit Dekadenz. Und dies ist letztendlich ein Anzeichen für eine soziale Fehl- oder Rückentwicklung.

Man muss hierbei jedoch hinzufügen, dass zum Glück die Filmwelt nicht nur aus Hollywoodgroßproduktionen besteht. Man darf den Indie-Sektor nicht vergessen, der durchaus mit originellen Ideen und Geschichten aufwartet. Ähnlich verhält es sich auf dem Buchmarkt. Während Bestseller inzwischen zum Synonym für Einheitsbrei geworden sind, tummeln sich unzählige Autoren im Kleinverlag- und Indie-Bereich. So lange dort keine kreative Stagnation auftritt, darf also noch gehofft werden. Für Hollywood aber heißt es, dass es früher oder später nicht anders kann, als umzudenken. Denn die Besucherzahlen werden weiter zurückgehen.

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