Hanyo – Das koreanische Meisterwerk

Es ist kaum zu glauben, doch erst kurz nach der Jahrtausendwende wurden westliche Filmkritiker und Regisseure auf einen Film aufmerksam, der 1960 in Südkorea produziert wurde. Gemeint ist Hanyo (Das Hausmädchen) des Regisseurs Kim Ki-Young. Inzwischen wird Hanyo als der beste koreanische Film aller Zeiten bewertet. In Deutschland wartet man dennoch (oder eigentlich wie in den meisten Fällen) vergeblich auf eine DVD-Veröffentlichung.

hanyo
Hanyo (1960) gilt als der beste koreanische Film aller Zeiten.

Hanyo erzählt die Geschichte eines Musiklehreres, der Arbeiterinnen einer Stofffirma Gesangsunterricht erteilt. Seine hochschwangere Frau, die mit Näharbeiten etwas Geld hinzuverdient, erleidet plötzlich einen Zusammenbruch. Daher beschließen beide, eine Haushaltshilfe anzustellen. Diese entpuppt sich jedoch als eine femme fatale, die den Musiklehrer in ihren Bann zieht. Daraus resultiert ein Konflikt, der von Kim Ki-Young mit äußerster Radikalität in Szene gesetzt wird. Das Hausmädchen erwartet ebenfalls ein Kind. Doch die Ehefrau des Lehrers zwingt sie zur Abtreibung. Daraufhin rächt sich das Hausmädchen an der Familie.

Woman of Fire (1972). Kim Ki-Youngs erstes Remake seines Klassikers „Hanyo“.

Hanyo ist eine Mischung aus Horrorfilm und Psychothriller. Das Gewitter als dramaturgische Untermalung fehlt hier ebensowenig wie expressionistische Bildkompositionen. Das Hauptaugenmerk aber liegt ganz klar auf Schauspielerin Lee Eun-Shim, welche das Hausmädchen verkörpert. Ihrem Aussehen nach käme sie beinahe als koreanische Barbara Steele durch. Ihre unheimliche wie sinnliche Ausstrahlung beherrscht die Atmosphäre des Films. Diese wird durch die Kulissen des Films noch verstärkt. Obwohl der Musiklehrer zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Kindern ein zweistöckiges Haus bewohnt, wirken die Räume unglaublich eng. Die dadurch provozierte Klaustrophobie lässt die Bedrohung, die von dem Hausmädchen ausgeht, überproportional erscheinen. Für die Familie gibt es in dieser Enge kein Entkommen. Der Lehrer, seine Frau und seine beiden Kinder sind in ihrem eigenen Heim wie in einem Gefängnis gefangen. Regisseur Kim Ki-Young nutzt diese Atmosphäre bis ins letzte Detail aus. Klassische Krimielemente mischen sich dabei mit Erotikthrill und Gruseleffekten. All dies ist mit einem unglaublich hohen Tempo erzählt. Der Film lässt den Zuschauer nicht zu Atem kommen. Man sitzt da wie gebannt und ist bei jeder neuen unerwarteten Wende wahrscheinlich genauso sckockiert wie die Zuschauer von damals.

„Hanyo“ als Remake aus dem Jahr 2010.

Kim Ki-Young war geradezu fokusiert auf das Thema sexuelle Obsession. So ist es nicht verwunderlich, dass er selbst zwei Remakes seines eigenen Klassikers anfertigte. Woman of Fire und Woman of Fire `82 erzählen dieselbe Geschichte, nur mit dem Unterschied, dass sich die Handlung auf einer Hünerfarm abspielt. Alle drei Filme zusammen werden innerhalb von Kims Oeuvre als die Hanyo-Trilogie bezeichnet.

2010 drehte Im Song-Soo ein weiteres Remake zu Hanyo. Dieses ist zwar auch künstlerisch hochwertig in Szene gesetzt, reicht jedoch nicht an das Original heran. Regisseur Im nutzt die Geschichte, um dadurch seiner Kritik am Kapitalismus Raum zu geben, welche er später in Taste of Money fortsetzte. Es fehlt die klaustrophobische Dichte, stattdessen spielt Im mit dunklen Farben, die bis hinein ins tiefe Schwarz reichen. Ähnlich wie das Original ist auch dieser Film eine Mischung aus Psychothriller und klassischem Schauerfilm, der den Konflikt bis ins Surreale hinein treibt.

Während man in Frankreich, den USA und England Kim Ki-Youngs Hanyo in regelmäßigen Publikationen huldigt, herrscht in Deutschland gnadenlose Funkstille. Dies liegt zum großen Teil darin, da sich deutsche Filmexperten kaum oder gar nicht mit koreanischen Filmen auseinandersetzen. Es ist an der Zeit, dass dieses Meisterwerk auch hierzulande seine Zuschauer findet.

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