Auschwitz und Buchenwald als prägende Autorenerfahrung – Ein Beitrag von Richard Albrecht

Auch wenn, und zugegeben, meine ausgiebige Beschäftigung mit objektiven Destruktionswelten,  -erfahrungen, -prozessen und ihrer subjektiven Verarbeitung (Albrecht 1987: Kapitel „Die braunen Jahre“) in den 1980er Jahren inzwischen gut ein Vierteljahrhundert her ist – so könnte ich mich doch und auch als senior scholar an einer fachöffentlichen Debatte über  Vernichtungserfahrungen aktiv beteiligen. Und so kundig wie engagiert einen textsoziologisch-kulturwissenschaftlichen Beitrag (grundlegend Zima 1980; zuletzt Albrecht 2012) über die literarisch-autobiographische Verarbeitung von Lager- und Zwangsarbeitserfahrung(en)  versuchen. Es geht um zwei bekannte Autoren und ihre thematisch bezogenen jeweils ersterschienenen Bücher. Diese werden als im idealtypischen Sinn konträre Aufarbeitungsweisen verstanden und exemplarisch vorgestellt. (Auch als Vorarbeit zu einem größeren kulturwissenschaftlichen Essay.)

Primo Levi o.J. (italienische wikipedia)
Primo Levi (undatiert)

 Der italienische Schriftsteller Primo Levi (1919-1987) wurde vor allem bekannt für sein Werk als Zeuge und Überlebender des Holocaust oder Shoa genannten Völkermords an den europäischen Juden. Sein bekanntestes Buch, in dem es um seine Erfahrungen im KZ Auschwitz und als Zwangsarbeiter  in Auschwitz-Monowitz 1944/45 geht, ist der autobiographische Bericht Ist das ein Mensch?  Es wird vermutet, daß Levi im April 1987 suizidal endete (Freitod; Selbstmord).

Jorge Semprun 2009 (spanische wikipedia)
Jorge Semprun (2009)

Der spanische Autor Jorge Semprún (1923-2011) verkörpert die andere Seite des kontrastiven Rahmens. Semprun schrieb als ehemaliger kommunistischer Funktionär und illegaler Widerständler sowohl gegen die fancistische Diktatur als auch in der französischen résistance gegen das Vergessen im allgemeinen und gegen selektive Erinnerung in Form eines „ideologischen Gedächtnisses“ – una memoria ideológica – im besonderen  und stand für ein Gedächtnis historischer Zeitzeugenschaft – una memoria histórica, testimonial (Semprun 1977). Nach seinem hier interessierenden ersten Roman Die große Reise und zahlreichen Drehbucharbeiten[1], unter anderem für Costa Gavras´ Z (1968)[2], entwickelte Semprun in seinen typischerweise autobiografischen Texten eine besondere narrativ-ausgreifende literarästhetische Montagetechnik, die auch philosophische Reflexionen einvernimmt. Semprun war lebenslang politisch engagiert und zuletzt 1988/91 Kulturminister (in) der spanischen Zentralregierung 1988/91. Er   starb 2011 in Paris.

 

  

Primo Levi, Se questo è un uomo [1947]; dt.spr. Ausgabe udT. Ist das ein Mensch? [1961]; München: Hanser, ²1987; dtv ³1992.

Jorgé Semprún, Le grand voyage [1963]; dt.spr. Ausgabe udT.  Die große Reise [1964]; Frankfurt/Main: Suhrkamp,²1981.

-Ders., Autobiografía de Federico Sánchez. Novela. Barcelona: Ed.  Planeta, 1977; dt.spr. Taschenbuchausgabe: Frankfurt/Main-Berlin-Wien: Ullstein, ²1981.

 Richard Albrecht,  Zirkus Konzentrazani – eine Modellanalyse; in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 9 (1984) 1/2: 183-190.

-Ders., Der militante Sozialdemokrat. Carlo Mierendorff 1897 bis 1943, Dietz, Berlin 1987.

[1997 unter dem Titel Deckname Dr. Friedrich: Carlo Mierendorff – ein Leben auf Zeit von Alfred Jungraithmayr verfilmt.]

-Ders., «nous voulons une Arménie sans Arméniens» – Drei Jahrzehnte Armenierbilder in kolonial-imperialistischen und totalitär-faschistischen Diskursen in Deutschland, 1913-1943; in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte, 106 (2012): 625-661.

Peter V. Zima, Textsoziologie. Eine kritische Einführung, Stuttgart: Metzler, 1980.

 

 

 Richard Albrecht ist „gelernter“ Journalist, extern provomierter und habilitierter Sozialwissenschaftler, lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent (1989) als Freier Autor & Editor in Bad Münstereifel und war 2002/07 Herausgeber von rechtskultur.de. Unabhängiges online-Magazin für Menschen und Bürgerrechte. Bio-Bibliographie -> http://wissenschaftsakademie.net e-Korrespondenzadresse -> eingreifendes.denken@gmx.net


[1]1966 Der Krieg ist vorbei. Regie: Alain Resnais – 1968 Z. Regie: Costa-Gavras – 1969 Das Geständnis. Regie: Costa-Gavras – 1972 Das Attentat. Regie: Yves Boisset – 1974 Stavisky. Regie: Alain Resnais – 1974 Les deux mémoires. Regie: Jorge Semprún – 1975 Jeder kämpft für sich allein. Regie: Constantin Costa-Gavras (Auswahl)

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