Soziologische oder kulturwissenschaftliche Filmanalyse – eine Frage der Ehre?

Die Film- und Medienanalyse in Deutschland hat eindeutig ein Problem. Sie teilt sich auf in eine sozialwissenschaftliche und eine geistes- bzw. kulturwissenschaftliche Disziplin. Während in Frankreich und den agelsächsischen Ländern diese Kluft so gut wie nicht existiert, scheinen die Experten in Deutschland der Meinung zu sein, dass es eine solche Kluft unbedingt geben muss. So genau weiß eigentlich niemand, aus welchem Grund es diese Aufteilung gibt (nicht einmal die Betroffenen selbt). Sicher ist nur, dass beide Lager zum großen Teil miteinander verfeindet sind.

Soziologie und Kulturwissenschaft stehen sich feindlich gegenüber.

Anscheinend gleicht es in Deutschland eine Frage der Ehre, ob man soziologische oder kulturwissenschaftliche Filmanalyse betreibt. Hierbei begehen besonders die Vertreter der Kulturwissenschaft den Fehler, dass sie Kultur abgrenzen von allem, was irgendwie nach Sozialwissenschaft riecht. Eine solche Perspektive ist lächerlich. Denn anscheinend haben jene Vertreter nicht verstanden, was Kultur eigentlich ist, und noch weniger kapiert, dass Kultur ohne menschliches Handeln überhaupt nicht existieren würde. Die Frage ist daher, ob eine kulturwissenschaftliche Analyse, welche die sozialwissenschaftlichen Aspekte verneint, überhaupt zu brauchbaren Erkenntnissen kommen kann. Die Antwort dürfte ein klipp und klares Nein sein.

Dieses Problem haben wir uns keineswegs aus den Fingern gesaugt. Durch Mail-Wechsel mit verschiedenen Professoren wurde uns zum Teil direkt mitgeteilt, dass er oder sie Kulturwissenschaftler/in ist und von den sozialwissenschaftlichen Aspekten nichts wissen würde. Man könnte auch sagen: ehrliche Antworten.

So lange es aber diesen Konflikt zwischen beiden Disziplinen gibt, darf man nicht darauf hoffen, Forschungsergebnisse zu erhalten, welche die internationale Filmwissenschaft bereichern könnten. Da hilft weder Arroganz noch Wut auf den Anderen. Das Einzige, das helfen würde, wäre ein Blick über den Tellerrand.

 

3 Gedanken zu “Soziologische oder kulturwissenschaftliche Filmanalyse – eine Frage der Ehre?

  1. eingreifendes Denken April 13, 2013 / 11:17 am

    @ fub-Editor

    Das Adjektiv postmodern(istisch) verbindet sich auch bei mir (als einem der heuer nicht eben mehr massenhaft vorkommenden deutschsprachigen 68er, der immer noch wissenschaftlich ARBEITet) mit „beliebig“, „inhaltsentleert“ und „perspektivlos“ – wobei ich nicht so weit gehen möchte wie mein geschätzter Fachkollege Hartmut Krauss, der schon vor zehn Jahren auf strukturell nihilistische Züge postmodernistischer Ideologie hinwies[1]; im „little ranged theory“-Sinn reicht mir perspektivlos, inhaltsentleert und beliebig als triadische Kennzeichnung dieser. Sobald Sie, lieber Dr Pechmann, was Sie „kulturwissenschaftliche Filmanalyse(n)“ nennen, in dieser Richtung konkretisier(t)en – wüßt´ ich, offen gesagt, auch nicht, wie ich (als wissenschaftlich ARBEITender Sozialwissenschaftler) Ihrer kurzen Beschreibung rational-argumentativ widersprechen könnte;-)

    [1] Hartmut Krauss, Das umstrittene Subjekt der „Post-Moderne“; in: Gescheiterte Moderne ? Zur Ideologiekritik des Postmodernismus. Essen: Neue Impuse, 2002, 93-121; zuletzt ders., Telepolis-Interview am: 4. 7. 2012: http://www.heise.de/tp/artikel/36/36618/1.html

    Besten Gruß, Richard Albrecht, 130413, http://eingreifendes-denken.net

    • Film und Buch April 14, 2013 / 5:06 pm

      In ihrem Buch „World Cinemas, Transnational Perspectives“ (2010) fordert die Herausgeberin Kathreen Newman die Filmtheoretiker dazu auf, sich verstärkt der Soziologie zuzuwenden. Grund ist der theoretische Konflikt zwischen World Cinema Theory und Transnational Cinema Theory. Sie verweist dabei auch auf die Ähnlichkeit der letzteren mit Eisenstadts Multipler Modernisierung. Nur so könne man im Zeitalter zunehmender Globalisierung Filme und ihre kulturellen und gesellschaftlichen Hintergründe verstehen. In Deutschland tut sich nichts dergleichen. Diese Anstrengung halten anscheinend viele kulturwissenschaftlich geprägte Filmtheoretiker für nicht notwendig. Vielleicht wollen sie es auch einfach nicht wahrhaben…

  2. richard albrecht April 16, 2013 / 3:45 am

    Hi,

    den genannten polnisch-israelischen Soziologen Smuel Eisenstadt und seine „Modernization, Protest, and Change“ (1966) erinnere ich noch aus ´ner soziologischen Übung zum Modernisierungkomplex (bei Lepsius/Nedelmann in Mannheim). Die im Netz gelisteten neueren Arbeiten kenne ich nicht

    Klicke, um auf Shmuel%20N.%20Eisenstadt%20Multiple%20Modernities.pdf zuzugreifen

    Im hier angesprochenen Zusammenhang („Kontext“) vermute ich, daß der von mir verachtete kultur“wissenschaftliche“ Rückzug auf postmoder(nisch)e Ideologie, mal von professionsakademischer Sesselfurzerei abgesehn, historisch dem traditionellen deutschen Elfenbeinturm und soziologisch dem „social cocooning“-phenomenon entspricht: diese Leute da woll´n halt in ihren trocknen Tüchern bleiben und sich ihr´n faulen Pelz nicht naßmachen (lassen. Und durch REALSOZIOLOGISCHES ARBEITEN schon gar nicht). Was Erich Fromm weiland FEAR OF FREEDOM nannte – kommt mir vor wie Hännschens Angst vor der großen weiten Welt …

    R.A., 160413

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