Visualphilosophie – Ein Beitrag von Richard Albrecht und Bernhard Hofer

Visualphilosophie

Praktische Aspekte einer Philosophie der Sichtbarkeit: Über visuelle Aufklärungsarbeit in der Zwischenkriegsperiode des „kurzen“ Jahrhunderts: Gerd Arntz und Otto Neurath.

 

Als unabhängiger reflexivhistorisch arbeitender Sozialforscher hat sich Richard Albrecht in den 1980er und 1990er Jahren mehrfach theoretisch und praktisch mit Visualisierungsformen beschäftigt: seine Leitstudie zum „Abwehrkampf“ gegen den zur Macht drängenden Nationalsozialismus[1] als faschistische Massenbewegung im Zeichen des Symbolkampfs der „Drei Pfeile“[2] wird immer noch geschätzt[3]. Die umfangreiche, zehn Jahre nach Ersterscheinen auch verfilmte politische Biographie eines militanten Sozialdemokraten „Weimarer“ Prägung[4] war (als Band 124) das erste Buch in der Reihe „Internationale Bibliothek“ des Berlin-Bonner Dietz Verlags, in dem in Form von Faksimilédrucken Dokumente publiziert wurden (von der Deutschen Nationalbibliothek vermerkt als „Ill., graph. Darst.“[5]). Und der dokumentarische Essay[6] des Autors über einen der beiden Begründer der „Bildstatistik“ gilt dem deutschsprachigen Netzlexikon „wikipedia“ als „ausgreifendes Porträt“ eines „linkspolitisch engagierten, mit avantgardistischen Methoden arbeitenden Künstlers“, der die „progressive Nebenlinie in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen“ verkörperte und dessen „richtungsweisende Vorarbeiten aller modernen Orientierungsgraphik, Symbol- und Drucktypographie […] formästhetisch gewürdigt“ wurden.[7]

Dort anschließend und weitere nicht publizierte Texte und  Dokumente[8] sowie Archivalien austrischer Provenience einbeziehend, können die Autoren zum mit Namen und Tätigkeit(en) von Gerd Arntz (1900-1998) und Otto Neurath[9] (1882-1945) verbundenen gesellschaftlich-kritischen und politisch-ästhetischen Zusammenhang vortragen. Dabei soll es im Text-Bild-Vortrag der Autoren um einen Doppelaspekt gehen: einmal um die historisch besondere, von der österreichischen Tradition des „Austromarxismus“ beeinflusste, in den 1920er Jahren voll entwickelte und in Wien besonders ausgeprägte Arbeiter- und Volksbildung.

Wirtschaftsformen der Erde, 1930. Vierfarbdruck; in: Gerd Arntz, Zeit unterm Messer. Holz- und Linolschnitte 1920-1970. Köln: informationspresse c. w. leske, 1988: 25

Zum anderen geht es um das auch diesen Ansätzen unterliegende Aufklärungspotential mit seinem sozialwissenschaftlichen Anliegen, über Anschauung und Veranschaulichung gesellschaftliche Verhältnisse mittels (historisch als Bildstatistik bezeichneter, heute) Visualisierung genannter Formen und Methoden durchschaubar und, transparent, verständlich und veränderbar zu machen. Dies galt historisch in der Sozialistischen Partei Österreichs (SPÖ) als Voraussetzung politischer Veränderungen. Dies war – und ist – sozialpsychologisch ein von Marie Jahoda ausdrücklich, auch als Grundproblem jeder Sozialwissenschaft, formuliertes Anliegen: to make invisible things visible – Unsichtbares sichtbar machen.[10] Es ist dies ein Anspruch, den auch die in Linz (Donau) ab Feber 2013 im sechsten Jahrgang erscheinende unabhängige Zweimonatszeitschrift soziologie heute[11], deren Redaktionskollegium Bernhard Hofer angehört, einzulösen versucht.

soziologie heute, einige Ausgaben 2008-2011

Was sozialwissenschaftlich seit Mitte der 1980er Jahre als visuelle Kultur, Visual Culture und culture visuelle[12] von theoretischem und empirische Interesse ist, halten die Autoren für mehr als nur eine der zahlreichen (post)modernischen Wendungen oder turns. Insofern geht es in ihrem (Kurz-) Vortrag auch um sozialwissenschaftliche Anregungen an Fachphilosoph(inn)en, praktische Aspekte einer Philosophie der Sichtbarkeit zur Visuellen Philosophie als angewandte Kritische Sozialphilosophie weiterzuentwickeln.

 


[1] Richard Albrecht, Symbolkampf in Deutschland 1932; in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 22 (1986) 4: 498-533; erweitert als selbständige Veröffentlichung der Universität Siegen: Medien und Kommunikation, Heft 44, 1986, 52 p.

 

[2] Richard Albrecht, Die Symbolwelt der Drei Pfeile; in: Émile, 1 (1988) 3: 148-179.

 

[3] Gerhard Paul, Von der Historischen Bildkunde zur Visual History. Eine Einführung; in: ders., Hg., Visual History. Ein Studienbuch. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2006: 7-37; http://www.prof-gerhard-paul.de/VisualHistory_Einleitung.pdf ; Detlef Hoffmann, Die Kunst als Instrument gesellschaftlicher Homogenisierungsbestrebungen im Dritten Reich; in: Wissenschaft im Einsatz. Hg. Käte Meyer-Drawe; Kristin Platt. München: Fink, 2007: 184-204: 202f.

 

[4] Richard Albrecht, Der militante Sozialdemokrat. Carlo Mierendorff 1897 bis 1943, Dietz, Berlin 1987 [= Internationale Bibliothek Bd. 124], 464 p.; 1997 unter dem Titel „Deckname Dr. Friedrich: Carlo Mierendorff – ein Leben auf Zeit“ von Alfred Jungraithmayr verfilmt.

 

[6] Richard Albrecht, Schwarz-Weiss & Gegen den Strom: Gerd Arntz (1900-1988); in: liberal, 38 (1996) 4: 75-86; aktualisierte Netzversion: http://soziologieheutenews.files.wordpress.com/2012/09/richard-albrecht-gerd-arntz-portrc3a4t.pdf

[8] http://wissenschaftsakademie.net dort 16: PARABELLUM.

[9] Otto Neurath; Rudolf Carnap, Hans Hahn, Wissenschaftliche Weltauffassung – der Wiener Kreis. Wien 1929;  ders., Gesellschaft und Wirtschaft. 100 Bildtafeln. Leipzig: Bibliographisches Institut, 1931; ders., Empirische Soziologie. Der wissenschaftliche Gehalt der Geschichte und Nationalökonomie. Wien: Springer 1931; ders.,  Bildstatistik nach Wiener Methode in der Schule, Deutscher Verlag für Jugend und Volk, Wien; Leipzig: Jugend und Volk, 1933; ders., International Picture Language. London: Kegan Paul, 1936; ders., Basic by Isotype. London: Kegan Paul, 1937; ders., Modern Man in the Making, New York: Knopf 1939; weiterführend: Arbeiterbildung in der Zwischenkriegszeit: Otto Neurath – Gerd Arntz. Hg. Friedrich Stadler. Wien: Österreichisches Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum, 1982, 463 p. – Am 27. Feber 2013 soll im Österreichischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum (Wien) ein „Otto Neurath Gedenkraum“ durch den Bundespräsidenten eröffnet werden.

[10] Marie Jahoda, The Social Psychology of the Invisible; in: New Ideas in Psychology, 4 (1986) 1: 107-118; der Ausklärungsaspekt war auch erkenntnisleitend für die berühmte empirische Studie von ders.; Hans Zeisel; Paul Lazarsfeld, Die Arbeitslosen von Mariental. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langdauernder Arbeitslosigkeit [1933]. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 41982 [= edition suhrkamp 769], 149 p.; vgl. später auch Hans Zeisel, Say It With Figures [1947]; Die Sprache der Zahlen; Vorwort Paul F. Lazarsfeld. Köln; Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 1970, 216 p.; dazu  Paul F. Lazarsfeld, Eine Episode in der Geschichte der empirischen Sozialforschung: Erinnerungen; in:    ders. et.al., Soziologie – autobiographisch. Drei kritische Berichte zur Entwicklung einer Wissenschaft. Stuttgart: Enke, 1975: 147-225, hier 217f.

[11] http://soziologieheute.wordpress.com/ Untertitel zunächst „das erste populärwissenschaftliche Fachmagazin  für Soziologie im deutschsprachigen Raum“, aktueller Untertitel seit Beginn des 5. Jg. „das soziologische Fachmagazin“.

[12] Comics and Visual Culture / La Bande Dessinée et la culture visuelle / Comics und visuelle Kultur. Hg., Alphons Silbermann; H.D. Dyroff. München; New York; London; Paris: Saur, 1986, 264 p.; zuletzt Themenschwerpunktheft „Visuelle Soziologie“ der „Österreichische[n] Zeitschrift für Soziologie“ 2/2012, 110 p.; freilich mit ungenügender fachhistorischer Fundierung, was immer die Gefahr birgt, bloß modischen Trends und ihren Oberflächenerscheinungen aufzusitzen (turn-trap danger).

 

Richard Albrecht ist „gelernter“ Journalist, provomierter und habilitierter Sozialwissenschaftler und lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent (1989) als Freier Autor und Editor in Bad Münstereifel. Bio-Bibliographie http://wissenschaftsakademie.net – Dr.rer.pol.habil. R. Albrecht, PhD., Wiesenhaus im Kurgebiet, D.55902 Bad Münstereifel; eingreifendes.denken@gmx.net

 

Bernhard Hofer ist promovierter Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler, Geschäftsführer des Linzer Sozialforschungsinstituts Public Opinion, Mitglied der Wissenschaftskommission im Bundesministerium für Landesverteidigung und Sport sowie Chefredakteur des soziologischen Fachmagazins soziologie heute.  – Dr.rer.soc.oec. Bernhard J. Hofer, A-4040 Linz, Aubrunnerweg 1; bernhard.hofer@soziologie-heute.at

 

 

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