Skandalautor Peter Handke – Ein Vortragsexposé von Richard Albrecht

„… ein aus welchen Gründen immer zum großdeutschen Modeliteraten avancierter südkärtner  Provinzpublizist“ – Peter Handke oder wie alles anfing: kapitalistischer Literaturbetrieb und bürgerliche Literaturgesellschaft in Deutschland Mitte der 1960er Jahre.*)

Peter Handke; Quelle: Wikipedia

„Der Ort, den eine Epoche im Geschichtsprozeß einnimmt, ist aus der Analyse ihrer unscheinbaren  Oberflächenäußerungen schlagender zu bestimmen als aus den Urteilen der  Epoche über sich selbst.“  Siegfried Kracauer (1927)

Der letzte Skandal, verstanden als öffentlich besonders anstößiges oder „aufsehenerregendes Vorkommnis“1) im sozio-literarischen Bereich, ist, als Endpunkt 2006, inzwischen auch vom deutsch(sprachig)en Netzlexikon Wikipedia als solcher beschrieben worden2). Wie alles vor mehr als vierzig Jahren, 1966, anfing, wurde bereits Mitte der 1970er Jahre aufgearbeitet3) als ein bis dahin so singuläres wie apartes Ereignis:  b e v o r  ein Buch erschienen und auf dem Büchermarkt verfügbar war – stand es schon auf der Bestellerliste des Hamburger Montagsmagazins (in dem der Roman „Die Hornissen“ (1966) auch positiv besprochen wurde4)). Auch daran wurde wikipedianisch-aspekthaft erinnert: die letzte Bestehensphase der bis dahin literaturgesellschaftlich bedeutsamen „Gruppe 47“ kam in den Blick. Auf Handke bezogen heißt es dort unter anderem5):

„1966: Jahr des Durchbruchs

Noch vor der Auslieferung seines Erstlingsromans im Frühjahr 1966 machte Handke, der damals eine Pilzkopf-Frisur im Stil der Beatles trug, durch einen spektakulären Auftritt auf einer Tagung der Gruppe 47 in Princeton auf sich aufmerksam. Nach stundenlangen Lesungen zeigte er sich angewidert von den Werken seiner etablierten Kollegen und hielt eine längere Schmährede, in der er die „Beschreibungsimpotenz“ der Autoren beklagte und auch die Literaturkritik nicht verschonte, „die ebenso läppisch ist wie diese läppische Literatur“. Mit dieser Rede hatte er zugleich einen Tabubruch begangen, da es auf den Treffen der Gruppe 47 unüblich war, allgemeine Grundsatzdebatten über literarische Themen anzuzetteln. Grundlage der Gespräche sollte immer der jeweilige Text bleiben, nicht das Wesen von Literatur an sich. Eine erhaltene Tonbandaufnahme zeugt davon, dass Handke Gelächter, Gemurmel und Zwischenrufe erntete, und obwohl er einige Kollegen, unter ihnen Günter Grass – wie sich an deren späteren Kommentaren zeigen sollte – durchaus getroffen hatte, wurde seine Kritik von anderen Teilnehmern vereinnahmt, umformuliert und – etwas abgeschwächt – wiederholt und blieb im Großen und Ganzen unwidersprochen. Handke hatte das literarische Establishment ins Mark getroffen, und für die Feuilletons war sein Auftritt zu einem Diskussionsthema geworden.“

Mein Beitrag soll über diese und weitere Einzelheiten und alle „Fall“-Aspekte hinaus auf der methodisch zentralen Ebene der besonderen Konkretheit6) oder der Ebene der konkreten Besonderheit tieferliegende Prozesse, genauer: ihren auf der Oberfläche nicht erfahrbaren gesellschaftlichen Um- und Strukturbrüchen der altbundesrepublikanischen Gesellschaft Mitte der 1960er Jahre nachspüren und sie (im Sinne von Marie Jahoda7)) sichtbar machen. Dabei greife ich sowohl auf C. Wright Mills´ Leitkonzept vom (spät-) kapitalistischen Kulturapparat8) als auch auf eigene literatur-, medien- und kultursoziologische Texte9) zurück und werde den zum „Ende der Rekonstruktionsperiode“10) historisch besonderen Transformationsprozesses als gesellschaftliche Verallgemeinerung von Wirkmechanismen  des (entwickelten) kapitalistischen Literaturbetriebs in die (spät-) bürgerliche Literaturgesellschaft empirisch darstellen und konzeptionell diskutieren.

*) Das Titelzitat ist aus aus dem „Waschzettel“ zum Buch von Wilma Ruth Albrecht, Harry Heine. Aachen 2007, 112 p.; es bezieht sich auf die geplante Heinepreisvergabe der Stadt Düsseldorf an Handke (2006): http://www.shaker.eu/Online-Gesamtkatalog-Download/2012.09.26-12.59.25-217.232.44.217-rad08741.tmp/3-8322-6062-5_ABS.PDF

1 Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Hg. Wolfgang Pfeifer. München ³1995: 1298

2 http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich-Heine-Preis_(Stadt_Düsseldorf)

3 Hans-Mathias Keplinger, Realkultur und Medienkultur. Literarische Karrieren in der Bundesrepublik, Freiburg, München 1975; auch Richard Albrecht, Bestseller und Bestseller-Forschung; in: Publizistik, 25 (1980) 2/3: 451-461

4 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46408049.html

5 http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Handke

6 G.F.W. Hegel, Wer denkt abstrakt [1807]: http://www.comlink.de/cl-hh/m.blumentritt/agr91.htm

7 The Social Psychology of the Invisible: An Interview with Marie Jahoda. In: New Ideas in Psychology, 4 (1986) 1: 107 ff.

8 C. Wright Mills, The Cultural Apparatus [1959]; in: Power, Politics, and People. The Collected Essays. Edited and with an introduction by Irving Louis Horowitz. New York 1963: 405 ff.; wieder in: The Politics of Truth. Selected Writings, ed. John H. Summers. New York 2008: 203 ff.; vgl. auch Irving Luis Horowitz, C. Wright Mills an American Utopian. New York 1983

9 Anstatt weiterer und mit weiterführenden Hinweisen: Richard Albrecht, Literatur/Waren/Produktion. Konzept und Empire; in: die horen, 24 (1979) 116: 127-138; ders., Ein Beststellerroman in den Medien: „Die Antwort kennt nur der Wind“ von Johannes Mario Simmel; in: Sociologia Internationalis, 23 (1985) 1: 49-77; ders., „Café Berlin“ – Menschen- und Gesellschaftsbilder im Roman; in: Kultursoziologie, 13 (2004) I: 105-117

10 Franz Jánossy (unter Mitarbeit von Maria Holló): Das Ende der Wirtschaftswunder. Erscheinung und Wesen der wirtschaftlichen Entwicklung. Frankfurt/Main 1966

Richard Albrecht ist unabhängiger Sozialwissenschaftler, lebt seit seiner Beurlaubung als Privatdozent (1989) als freier Autor und Editor in Bad Münstereifel, vertritt in der empirischen Kultur- und Sozialforschung den „Utopian Paradigm“-Ansatz (-> Communications, 16 [1991] 3: 283-318), veröffentlichte als Sozialwissenschaftsjournalist in den letzten Jahren regelmäßig unregelmäßig in Aufklärung und Kritik, Auskunft, Forum Wissenschaft, Hintergrund, soziologie heute, Zeitschrift für Politik, Zeitschrift für Weltgeschichte, in den Netzmagazinen filmundbuch und poetenladen sowie die Bücher Genozidpolitik im 20. Jahrhundert. Drei Bände (2006/08): Völkermord(en) (2006) Armenozid (2007) [und] Hitlergeheimrede 1939 (2008), Crimes Against Mankind, Humanity, and Civilisation (2007), SUCH LINGE (2008), die Edition FLASCHEN POST (2011) und den Erzählband  HELDENTOD. Kurze Texte aus langen Jahren (2011).  Im Winter 2012/13 arbeitet Richard Albrecht an einer linkswissenschaftlichen Anthropologie; e-Archiv des Autors -> http://eingreifendes-denken.net  Bio-Bibliographischer Link -> http://wissenschaftsakademie.net 

e-Postadresse des Autors -> eingreifendes.denken@gmx.net

© Autor 2012

Ein Gedanke zu “Skandalautor Peter Handke – Ein Vortragsexposé von Richard Albrecht

  1. richard albrecht März 20, 2014 / 6:24 pm

    WAS (ZU) VIEL IST IST (ZU) VIEL. Ein P.S.

    „Epiker Handke
    Peter Handke erhält den mit etwa 300 000 Euro dotierten Ibsen-Preis der norwegischen Regierung. Er werde für sein »an formaler Schönheit und brillanter Reflexion beispiellos reiches Bühnenwerk« geehrt, hieß es am Donnerstag zur Begründung. Das »poetische Staunen« des »bedeutendsten Epikers« unter den Theaterautoren habe zu neuen Formen wie seinen »Sprechstücken« geführt.“ http://www.jungewelt.de/2014/03-21/044.php [ra, 210314]

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