Tomie – J-Horror ein bisschen anders

Das Plakat zum ersten Tomie-Film. Das Bild zeigt Tomies Kopf in einer Einkaufstasche – für Fans der Mangaserie ein vielsagendes Motiv.

Wer sich mit J-Horror beschäftigt wird früher oder später auf die Serie „Tomie“ stoßen. Die Filme (zwischen 1999 und 2011 sind insgesamt neun Produktionen entstanden) sind freie Adaptionen der gleichnamigen Mangaserie des Künstlers Junji Ito. Die Mangaserie genießt in Japan so etwas wie einen Kultstatus und Ito erhielt dafür einen der wichtigsten japanischen Comicpreise.

Die Serie handelt von der eigenartigen Schülerin Tomie, die im Grunde genommen nichts anderes ist, als eine Personifizierung des Bösen. Ihr schönes Aussehen führt bei den Mitschülern zu Wahnsinn, Eifersucht und Mord. Tomie selbst ist unsterblich (der Slogan lautet dementsprechend: „This girl will not die!“). Sie wird stets selbst Opfer der Mordlust, jedoch nur, um, zum Schrecken der Überlebenden, wieder lebendig zu werden. Denn Tomie besitzt die Fähigkeit, ihren Körper zu regenerieren.

1999 nahm sich Regisseur Ataru Oikawa dieses Stoffes an. Interessanterweise verzichtete er jedoch auf Splattereffekte, welche für die filmische Umsetzung angebracht gewesen wären, sondern beschränkt sich auf eine eher psychologische Ebene, was „Tomie“ zu einer Art Mystery-Thriller macht.

Das Datum 1999 ist hier nicht unbedeutend. Ein Jahr zuvor läutete „Ring“ den modernen japanischen Horrorfilm ein. So gesehen ist es nachvollziehbar, dass sich Oikawa in Sachen Brutalität zurückhielt und sein Werk an den ästhetischen Vorgaben von „Ring“ ausrichtete. „Ring“ gilt bisher als der erfolgreichste japanische Film aller Zeiten und sein Einfluss blieb nicht allein auf Japan beschränkt. Oikawa wollte auf diesen Zug aufspringen, genauso wie unzählige andere Regisseure. Finanziell lohnte es sich allemal. Jeder Film, in dem eine Frau mit langen schwarzen Haaren und einem weißen Gewand auftauchte, wurde sofort zum Kassenschlager.

So ist auch Tomie durch lange Haare und einem weißen Gewand als Antagonistin gekennzeichnet. In seinem Film erzählt Oikawa von einer jungen Frau, die angeblich einen Unfall hatte, sich jedoch nicht mehr daran erinnern kann. Mithilfe einer Psychiaterin versucht sie, ihre Erinnerung zurückzuerhalten, wobei sie immer wieder (unter Hypnose) den Namen Tomie erwähnt. Zur gleichen Zeit untersucht ein Polizist eine unheimliche Mordserie, in der ebenfall der Name Tomie eine Rolle spielt.

Der koreanische Film „Whispering Corridors“ könnte im Hinblick auf die Ästhetik Regisseur Ataru Oikawa beeinflußt haben.

Wahrscheinlich hat Oikawa bei der Umsetzung auch einen Blick nach Südkorea geworfen. 1998 erschien dort „Whispering Corridors“, einer der ersten modernen koreanischen Horrorfilme und zugleich ein enormer Erfolg, der weitere Schulhorrorfilme nach sich zog. Manche Szenen weisen auf die gleiche ästhetische Ursprungsquelle hin: den italienischen Horrorfilm der 70er und 80er Jahre. Der Schulhorrorfilm war zwar auch in Japan – in Ansätzen und dann vor allem in TV-Produktionen- ein beliebtes Subgenre, doch die Machart von „Tomie“ verweist nicht auf die japanischen Vorläufer, sondern eher auf das südkoreanische Äquivalent.

Ataru Oikawa setzt gezielt auf Atmosphäre. Dies gelingt ihm durch eine argentoeske Ästhetik sowie durch die bizarre Filmmusik der japanischen Elektro-Pop-Band World Famous. Ihre Klänge ähneln hier den Kompositionen von Argentos Hausband Goblin. Man sollte jedoch genau auf den englisch gesungenen Text hören. Dieser spiegelt hervorragend den unheimlich-grotesken Tomie-Charakter wieder. – Interessanterweise findet sich speziell diese an Argento angelehnte Ästhetik auch in „Whispering Corridors“ wieder, welcher – wie bereits erwähnt – ein Jahr zuvor in Korea produziert worden war und daher die oben genannte Vermutung unterstreicht, dass sich Oikawa an dem koreanischen Film orientierte.

Trotz aller Bemühungen gelingt es Oikawa nicht überzeugend, sein Vorhaben umzusetzen. Er mußte – aufgrund produktionstechnischer Richtlinien – 90 Minuten vollbekommen.  Um seinem Werk diesen Umfang zu geben, zieht er zu oft Szenen in die Länge, was ihnen die Spannung nimmt und eher in Langeweile ausartet. In der Tat ist man dazu geneigt, „Tomie“ an verschiedenen Stellen „vorzuspulen“. Dass „Tomie“ dennoch zu einem Hit wurde, kann nur im Zusammenhang mit der bekannten Mangaserie nachvollzogen werden. Die Fans der Mangas von Ito waren schlicht und ergreifend neugierig auf die filmische Umsetzung.

„Tomie – Forbidden Fruit“ ist aufgrund seiner Farbgebung (hier im Bezug auf Tomies Kleid) interessant.

Im Laufe der Zeit wurden die Sequels und Prequels des Films schneller und brutaler, wenn auch die jeweiligen Handlungen eher für Junji Ito-Fans nachvollziehbar und spannend sind. Der durchschnittliche  Horrorfan dürfte einige Probleme damit bekommen, da die narrativen Zusammenhänge, welche nur durch die zusätzliche Rezeption der Mangaserie deutlich werden, nicht zu erkennen sind. Von der Farbgebung durchaus interessant ist „Tomie – Forbidden Fruit“, in dem Tomie sowohl in einem weißen als auch in einem roten Kleid zu sehen ist –  dies in ein und denselben Szenen. In Japan symbolisiert die Farbe Rot Wut und Hass. Die Farben des Kleides sind auf die jeweiligen Situationen hin abgestimmt, denn Tomie möchte sich an dem Vater einer Schülerin mit demselben Namen rächen. Dadurch entwickelt sich eine gewisse Spannung zwischen den Figuren, speziell zwischen der Schülerin Tomie und dem „Wesen“ Tomie. Zugleich lässt dies Tomie als gespaltene Persönlichkeit erscheinen (das Farbkonzept wird auch in dem späteren Teil „Tomie vs Tomie“ verwendet, in dem eine Frau von Tomie besessen ist).

Bisheriger Höhe- und Schlusspunkt ist der 2011 produzierte Film „Tomie – Unlimited“. Dieser Film zeichnet sich sowohl durch diverse groteske Goreszenen als auch eine Vielzahl an Tomie-Ungeheuern aus („unlimited“ bezieht sich wahrscheinlich auf die bizarren Effekte, welche im Laufe des Films einen immer höheren Grad des Surrealen erreichen)  und kommt den Mangas Itos dadurch ziemlich nahe. Damit dürfte die Serie jedoch keineswegs zu ende sein. Bereits Teil 5 lautete „The final Chapter“ und danach folgten bekanntlich weitere vier.

„Tomie – Unlimited“ ist der bisher letzte Teil der Serie. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden dennoch weitere Filme folgen.

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