Daphne du Maurier zwischen Lovecraft und Haggard – Ein etwas anderer Blick auf die Novelle „Monte Verità“

Daphne du Maurier

Daphne du Maurier (1907-1989) ist neben Patricia Highsmith die wohl bekannteste Thrillerautorin. Die gekonnte Mischung aus Suspense, Mystery und Phantastik zeigt sich in so manchen Erzählungen wie etwa „Wenn die Gondeln Trauer tragen“, „Die Vögel“ oder auch „Küss mich, Fremder“. Und nicht zu vergessen natürlich ihr wohl berühmtester Roman „Rebecca“, welcher (wie auch „DieVögel“) von Alfred Hitchcock verfilmt wurde.

Hier soll jedoch nicht länger auf du Mauriers Gesamtwerk eingegangen werden, dazu gibt es bereits genügend Artikel. Vielmehr beschäftigt uns in diesem kleinen Essay ihre Novelle „Monte Verità“, welche zum ersten Mal 1952 in ihrem Erzählband „The Apple Tree“ veröffentlicht wurde.

Es geht darin um einen seltsamen und uralten Kult, dessen Riten von einer sonderbaren, angeblich unsterblichen Gemeinschaft auf dem Berg Monte Verità abgehalten werden. Angeblich soll die Gemeinschaft Frauen und Mädchen entführen. Tatsächlich verschwindet eines Morgens Anna, die Frau des Bergsteigers Victor. Die Einheimischen, welche sich vor der Gemeinschaft auf dem Berg fürchten, sprechen ständig von einem sonderbaren Kloster, in welches Anna entführt wurde. Victor sucht dieses Kloster auf, nur um zu erfahren, dass er seine Frau nie wieder sehen wird. Stattdessen kehrt er jedes Jahr an diesen Ort zurück, um Anna einen Brief vor die Klostermauer zu legen. Jahre später wandelt sich die Angst der Einheimischen in Hass gegenüber die unheimlichen Bewohner des Berges. Durch Zufall trifft Victor auf seinen besten Freund (dem Ich-Erzähler der Geschichte) und bittet ihn, zum letzten Mal den Berg zu besteigen, um Anna eine Warnung zukommen zu lassen.

Das Ende der Geschichte soll nicht verraten werden. Der Leser hat einen Anspruch darauf, dass die Spannung erhalten bleibt. Nur soviel sei gesagt: man warf Daphne du Maurier immer wieder einen Hang zur Melodramatik vor. Dieser findet sich in gewisser Weise in dieser Novelle auf fast vollendete Weise wieder. Doch ein anderer Punkt dürfte viel interessanter sein.

Liest man die Geschichte, so fallen einem zwei Aspekte auf: ein uralter Kult in einer einsamen Gegend und primitive Bewohner, welche in dessen Nähe wohnen. Ein anderer Aspekt hat ebenfalls mit dem Kult zu tun, betrachtete ihn aber aus einer etwas anderen Perspektive. Es handelt sich, und soviel darf verraten werden, ohne die Spannung der Geschichte zu mindern, um eine Gemeinschaft aus Frauen, welche wie Göttinnen angesehen werden. Dies ebenfalls in einem einsamen, wilden und, wie es in der Geschichte auch lautet, unerforschten Gebiet.

Die Fachliteratur weist darauf hin, dass Daphne du Maurier durch eine Künstlerkolonie, welche auf dem schweizer Berg Monte Veritá hauste, zu ihrer Idee inspiriert worden ist. Wir wollen hier einen etwas anderen Gedankengang gehen. Allein aus dem Aufbau der Geschichte und deren Merkmale lassen sich weitere Inspirationsquellen erschließen. Eine davon dürfte bei dem amerikanischen Autor Howard Philip Lovecraft (1890-1937) liegen, dessen Geschichten neben denen Edgar Allan Poes zu den Klassikern der nordamerikanischen Literatur zählen.

Lovecraft, von dessen Werken sich du Maurier höchtswahrscheinlich für ihre Novelle „Monte Verità“ inspirieren ließ

Seine Geschichten handeln oft von uralten Kulten, welche in einsam gelegenen Gebieten von sonderbaren Sekten am Leben erhalten werden und in deren unmittelbarer Umgebung primitive Einwohner hausen.  Diese lovecraftschen Merkmale finden sich in du Mauriers Novelle wieder. Auch der Anfang der Novelle von Daphne du Maurier scheint auf Lovecraft zu verweisen, indem sie das Ende vorweg nimmt (eine bei Lovecraft fast schon typische Methode) und dadurch eine Spannung erschafft, welche mit unheimlichen Merkmalen gewürzt ist: „Sie erzählten mir hinterher, sie hätten nichts gefunden; keine Spur weder von den Lebenden noch von den Toten“ (S. 240). Daraufhin folgt die skizzenhafte Beschreibung des uralten Bauwerks und die Erwähnung der unheimlichen Bewohner. Ähnliches findet sich auch in vielen Geschichten Lovecrafts. Ein weiterer Aspekt betrifft die Beschreibung des Berges, welche sehr an die Gemälde des russischen Malers Nickolas Roerich erinnern, die auch Lovecraft bei seinen Schilderungen inspiriert haben.

Die Anlehnung an Lovecraft zeigt sich ebenfalls an den Gemälden Roerichs, deren Beschreibungen sich in „Monte Verità“ wiederfinden. Als Beispiel hier die zwei im Sonnenuntergang leuchtenden Gipfel, welche du Maurier immer wieder erwähnt.
Haggard als weitere mögliche Inspirationsquelle für du Mauriers „Monte Verità“

Ein anderer Aspekt ist derjenige des Abenteuers. In der Tat kann man die Novelle auf verschiedene Arten lesen. Als tragische Liebesgeschichte, als unheimlich-phantastische Erzählung oder als phantastische Abenteuerstory. Der letzt genannte Punkt bringt uns in die Nähe eines anderen Autors: Henry Rider Haggard (1856-1925). Seine Romane spielen fast ausschließlich in Afrika und können mit dem Begriff „phantastische Abenteuer“ bezeichnet werden. Der Schöpfer so berühmter Figuren wie Allan Quatermain oder She arbeitete stets mit demselben Motiv. Die Abenteurer vernehmen das Gerücht über eine weiße Göttin, welche sich irgendwo in einem noch unerforschten Teil Afrikas befinden soll. In der Regel handelt es sich dabei um die verschollene Geliebte eines Auftraggebers oder eines Freundes der Hauptfigur. Auch dieses Motiv findet sich in du Mauriers Erzählung wieder. Anna wird zu einer Art Göttin stilisiert, welche auf ähnlich theatralische Weise auftritt wie die entsprechenden Figuren Haggards. Auch hier handelt es sich um die verschollene Frau des Freundes des Ich-Erzählers, sprich der Hauptfigur.

Diese beiden Aspekte machen Daphne du Mauriers Novelle überaus interessant.  „Monte Verità“ gehört sicherlich zu ihren spannendsten und faszinierendsten Werken. Dass sie bisher in keiner der unzähligen Lovecraft-Anthologien aufgetaucht ist, erscheint rätselhaft. Doch vielleicht ändert sich das ja noch.

Das eingefügte Zitat stammt aus dem Buch: Daphne du Maurier – Meistererzählungen, Fischer Taschenbuch Verlag 2007.

Der Inhalt des Textes liefert keine werkbiographischen Tatsachen. Es handelt sich um analytische Schlussfolgerungen, welche sich aus den oben erwähnten  Merkmalen ergeben.

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